Bitte für uns SünderTanja KinkelAnna Maria, eine Nonne Ende 20, Anfang 30, Ordenstracht der Dominikanerinnen, tritt vor die Marienstatue, mehrere Seiten dicht beschriebenen Papiers in der Hand. Näher stehende Zuschauer sollten erkennen können, dass die Blätter sehr fleckig sind (Schweiß - und Blutstropfen.) Je nach Verfügbarkeit können die Stellen aus Johannes Junius' Brief von einer Männerstimme aus dem Hintergrund, oder von der Schauspielerin der Anna Maria selbst vorgelesen werden. Ich will den Brief nicht lesen. Er ist auch gar nicht an mich gerichtet. Für meine Schwester ist er, meine Schwester Veronika. Nein, nicht mehr meine Schwester. Ich will Eltern und Geschwister verlassen um deinetwillen, Herr. So haben es die Apostel gehalten, so auch ich. Ich bin eine Braut Christi. Deine Tochter, Herr, nicht die des Bürgermeisters Johannes Junius. Johannes Junius ist ein Hexer. Das hat mir der Weihbischof gesagt, als er mir den Brief überreicht hat. Ein übler Hexer, ganz wie sein Weib. Nicht meine Mutter. Sie ist als Hexe verbrannt worden, das Bürgermeisterweib, im letzten Winter schon, wie kann das meine Mutter gewesen sein? Der Weihbischof riecht Hexen, heißt es. Warum hat er mich so genau angesehen? Er muß doch wissen, dass ich eine gute Christin bin. Ich will den Brief nicht lesen, habe ich gesagt, nein, Euer Eminenz, gewiß nicht. Wer ist mir Mutter, wer sind mir Brüder? Diejenigen, die dem Gebot des Herrn folgen. So heißt es in den Evangelien. Lest, lest, sagt der Weihbischof, dass niemand sagt, es geht in Bamberg nicht rechtens zu. Lest den Brief, Schwester. Sie zwingt sich, auf die erste Seite zu schauen. "Ich wünsche Dir von Herzen eine gute Nacht, meine liebe Tochter Veronika. Ich bin zu Unrecht in dieses Gefängnis gekommen, ich bin zu Unrecht gefoltert worden, und zu Unrecht muß ich sterben." Das kann nicht sein. Hört Ihr mich, Euer Eminenz? Ich glaube kein Wort von dem, was er schreibt. Meine Schwester mag's geglaubt haben, und ist auf und davon zu den Lutherschen nach Nürnberg, aber ich bin eine treue Tochter der Kirche. Ich bleibe in Bamberg. Wer kann auch glauben, dass selbst der Bürgermeister gefoltert würde, wenn seine Schuld nicht einwandfrei erwiesen ist? Jeder hat ihn geachtet, meinen Va -, den Bürgermeister. Selbst Kanzler unseres alten Bischofs hat ihn stets - Sie hält inne. Schaut wieder auf den Brief. Der Kanzler war ebenfalls ein Hexer. Verbrannt und vertan. Seine Asche in alle Winde verstreut. Oh Herr, beschütze uns vor dem Teufel, der so viele gute Christen in seinen Bann zieht und - Nein, nicht gut. Blendwerk. So muß es sein. Der Kanzler und die Kanzlerin, das Bürgermeisterweib und der Bürgermeister, sie haben uns alle getäuscht mit Hilfe des Leibhaftigen. Kein guter Mensch kommt jemals ins Malefizhaus. Nicht meine Mutter. Nicht mein Vater, nicht die übrigen. Sie lässt die Blätter zu Boden fallen, in einer heftigen Geste. Blickt sich um, als fühle sie sich beobachtet (was sie tut), aber es rührt sich niemand. Anna Maria kniet nieder, um die Blätter aufzuheben. Dabei fällt ihr Blick auf eine andere Stelle. "Als mich der Henker wieder in das Gefängnis brachte, sagte er zu mir: Herr, ich beschwöre Euch um Gottes willen, gesteht etwas, ob es der Wahrheit entspricht oder nicht. Denkt Euch irgendetwas aus, denn die Folter, der man Euch unterwirft, könnt Ihr doch nicht aushalten. Und wenn Ihr sie wider Erwarten doch ertrüget, so kämet Ihr doch nicht frei, selbst wenn Ihr ein Graf wäret. Vielmehr wird eine Marter die andere ablösen, bis Ihr zugebt, ein Hexer zu sein, und redet. Ach, liebste Tochter, kannst Du Dir vorstellen, in welcher Gefahr ich mich befand und jetzt noch befinde? Ich soll gestehen, ein Hexer zu sein, und bin doch keiner, soll also jetzt Gott verleugnen und habe es doch bislang nicht getan. Tag und Nacht habe ich mit mir gerungen. Weil mir kein Priester geschickt wurde, mit dem ich mich beraten könnte, wollte ich mir etwas ausdenken und das dann gestehen." Sie kann nicht weiter lesen. Nach kurzem Schweigen flüstert sie: Die Mutter hat immer gesagt, dass er keine Schmerzen erträgt. Ein wunder Zeh ist zuviel für deinen Vater, Anna Maria, hat sie gesagt und - Teufelsgerede. Nicht meine Mutter. Ein Hexenweib war sie. Wissen hätt ich's müssen, als man sie verhaftet hat, dass auch er des Teufels ist. Mann und Weib, ein Leib, so traulich immer zusammen, all die Jahre, da kann eines nicht ein Satansbuhle sein, wenn nicht der andere mittut. Als ich zu den Nonnen ging und eingekleidet wurde, da hat sie geweint. Da hätte ich es wissen müssen. So viele Teufelsbuhlen sind in Bamberg gefunden, von jedwedem Stand. Herr, hilf uns. Angefangen hat es, als der Mohrhaubt Hans verhaftet worden ist. Da hatte ich Zweifel. Nur damals, das schwöre ich, und nur, weil er noch so jung ist, der Bub. Erst vierzehn Jahr. Aber dann hat er gestanden, dass der Teufel ihm das Buch vom Doktor Faust verschafft hat, das sein Lehrer bei ihm fand, und daß er so manchen Bamberger Bürger beim Hexensabbat gesehen hat, und der Weihbischof hat ihm geglaubt. Ihr seid ein weiser Mann, Euer Eminenz, viel klüger als ich, und gewiß habt Ihr klarer gesehen als wir alle. Seither hat der Mohrhaubt-Bub so viele beschuldigt, und alle, alle haben gestanden. Soll das denn alles Lüge gewesen sein? Sie schaut auf den Brief. "Ach, und dann, Gott im höchsten Himmel erbarme sich meiner, kam der Henker, legte mir die Fingerschrauben an und drückte mir die Hände so zusammen, dass das Blut zu den Nägeln herausdrang. Danach hat man mich erst ausgezogen, mir dann die Hände auf den Rücken gebunden und mich an ihnen an die Höhe gezogen. Da dachte ich, Himmel und Erde gehen unter. Da verlangte Doctor Braun: Geh eine Gasse nach der anderen durch; beginne am Marktplatz! Da musste ich etliche Personen nennen. Dann kam die Lange Gasse. Ich kannte niemanden, habe aber doch acht Personen von dort angeben müssen. Es folgte der Zinkenwörth auch hier musste ich einen nennen. Dann von der Oberen Brücke bis zum Georgtor auf beiden Seiten. Mir fiel niemand ein. Ob mir niemand in der Burg bekannt sei, wer auch immer es sei, ich solle ihn ohne Scheu nennen. Auf diese Weise haben sie mich hinsichtlich aller Gassen ausgefragt, bis ich nichts mehr habe sagen wollen und können. Da haben sie mich erneut dem Henker übergeben, der musste mich ausziehen, mir die Haare abschneiden und mich auf die Tortur ziehen." Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten. Weißt du das nicht, Vater? Nicht mein Vater. Mein Vater hat mich die zehn Gebote gelehrt, und abgefragt, als ich ein Kind war. Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten. So viele Häuser stehen jetzt leer in der Langen Gasse. Das Mohrhaubt-Haus. Das vom Hagelstein-Georg. Das vom Fleischmann Hans. Das von Kanzler Haan. Es ist keiner mehr übrig, den er kennt, mein Vater. Der Bürgermeister. Nicht mein Vater. All die ehrsamen und reichen Bürger der Stadt, als gäb es keinen, der sein Glück nicht dem Satan verdankte. Ihre Seelen verkauft für weltlich Gut, aber wer hat es jetzt? Euer Erbe, und das Euer Schwester, es ist gehört nun der heiligen Mutter Kirche, das ist nur gerecht, nicht wahr, das hat er gesagt, der Weihbischof. All das unrecht Gut, entsühnt. Alle haben sie gestanden, alle, das habt Ihr geschworen, Euer Eminenz. Den bösen Feind haben sie angebetet, zusammen. Wenn nur einer gelogen hat, dann haben alle gelogen. Das ist unmöglich. Dann hat nicht die Gerechtigkeit Gottes gewaltet, sondern Mord. Wie kann ich das glauben, Vater? Während sie spricht, beginnt sie, die Seiten umzuordnen, als versuche sie, die ursprüngliche Ordnung wieder herzustellen. Der Teufel spricht aus dir. Jedes Wort ist Lüge. Du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen. Wieder hält sie inne, liest eine Stelle. "Anschließend sollte ich gestehen, was ich für Übeltaten angerichtet hätte. Zieht den Halunken auf! Also habe ich angegeben, ich hätte meine Kinder umbringen sollen, hätte aber stattdessen ein Pferd getötet. Doch auch das hat noch nicht gereicht. Ich hätte außerdem eine geweihte Hostie entwendet und in die Erde eingegraben. Als ich das gestanden hatte, da haben sie mich endlich zufrieden gelassen." Schweigen. Als sie wieder spricht, ist ihre Stimme endgültig die eines gebrochenen Kindes. Ich verstehe das nicht, Euer Eminenz. Wenn er des Teufels ist, mein Vater, warum hat er dann uns Kinder nicht umbringen wollen? Wenn das die Wahrheit ist, dann liebt er uns doch noch, und welcher Hexer liebt - ich verstehe das nicht. Die Folter bringt die Wahrheit an den Tag. Das sagt Ihr. Das glaub ich, das weiß ich. Ich bin eine gute Christin, ich schwöre es. Aber ist das, was er schreibt, die Wahrheit, so hat mein Vater mein Leben geschützt, und das von Veronika, so liebt er - nein. Er lügt, nicht wahr, Euer Eminenz? Nicht wahr? Die Schmerzen, nie hat er Schmerzen gut ertragen können, das hat die Mutter immer gesagt, es muß so leicht sein zu lügen unter der Folter - Ihr wird bewusst, was sie gerade gesagt hat, und sie presst ihre Hände auf den Mund. Wieder fallen dabei die Blätter zu Boden, bis auf eines, das sie in ihrer linken, zu Faust geballten Hand zusammenknüllt. Diesmal macht sie keine Anstalten, sie aufzuheben. Nach einer Weile kniet sie vor der Marienstatue nieder. Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade - Maria. Anna Maria. Nach der Mutter Gottes bist du genannt, Kind, und nach ihrer Mutter, der heiligen Anna. Das hat er gesagt zu mir, als ich noch klein war. Die Mutter Gottes hat ihre Mutter lieb gehabt, nicht wahr, Vater? Gewiß, Kind. So inniglich wie du deinen Vater und deine Mutter. Du bist ein gutes Mädchen. Sie lässt die linke Hand sinken. Öffnet sie, und beginnt, die letzte Briefseite, die sie in der Hand hält, auseinanderzufalten. "Ich habe mehrere Tage an diesem Brief geschrieben, meine Hände sind noch nicht wieder richtig zu gebrauchen. Bete für mich, deinen Vater, der wahrhaftig ein Märtyrer ist. Auch Anna Maria laß für mich beten! Darauf kannst Du in meinem Namen getrost einen Eid leisten, dass ich kein Hexer, sondern ein Märtyrer bin. Aber ich sterbe gefasst. Leb wohl, Dein Vater Johannes Junius wird Dich nicht mehr wieder sehen." Anna Maria nimmt die letzte Seite und macht Anstalten, sie in die Flamme der Kerze zu halten, die vor der Marienstatue steht. Dann zieht sie ihre Hand wieder zurück, gerade, ehe das Papier Feuer fangen kann. Ihre Stimme ist ausdruckslos, als sie spricht. Heilige Maria, bitte für uns Sünder. Jetzt und in der Stunde unseres Todes. In der Stunde - Ihre Stimme droht, wieder zu brechen, aber sie fängt sich. Ihr Rücken ist sehr gerade; ob sie sich erneut in Leugnen flüchtet oder der Bitte ihres Vaters folgt, bleibt dem Zuschauer überlassen. Heilige Maria, bitte für uns Sünder. Bitte für den Weihbischof und die, welche in seinem Namen handeln. Bitte für die Verbrannten. Bitte für diejenigen, die da warten im Malefizhaus. Jetzt und in der Stunde unseres Todes. Du Schmerzensreiche, bitte für uns. |