Grimms Morde

Worum es geht:

Rot wie Blut … Kassel 1821: Aus Grimms Märchen werden Grimms Morde. Die ehemalige Mätresse des hessischen Kurfürsten wird nach Märchenart bestialisch ermordet. Kurz danach gibt es einen weiteren Toten. Die einzigen von der Polizei gefundenen Hinweise führen zu den Gebrüdern Grimm und zu den Schwestern von Droste zu Hülshoff. Dies ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo der Zusammenprall von Überzeugungen bezüglich Ehre, Pflicht, aber auch von Liebe, Hass und Zuneigung schier unlösbare Probleme zwischen den bürgerlichen Grimms und den adligen Drostes geschaffen hat. Da die Polizei nur in Richtung Jacob Grimm ermittelt, übernehmen sie  gemeinsam die  Aufgabe, den wahren Mörder zu finden. Bei ihrer Suche müssen sich die vier aber auch ihrer Vergangenheit stellen: Vorurteilen, Zuneigung, Liebe – und Hass.  Diese Herausforderung  ist nicht weniger schwierig…

 

Wer sind die Hauptfiguren?

Jacob Grimm –  scharfzüngig, klug, mit einem Talent, sich Feinde zu machen

Annette von Droste-Hülshoff – eine verwundete Rebellin, in mehrerer Hinsicht zu früh geboren

Wilhelm Grimm – Jacobs jüngerer Bruder, mit Annette verfeindet und mit Jenny befreundet

Jenny von Droste-Hülshoff – Annettes ältere Schwester, in Wilhelm verliebt

 

Wann:

1821 – In einer Epoche,  wo die Errungenschaften der Freiheitskriege verloren gehen, wo Zensur und Überwachung in deutschen Fürstentümern wieder Einzug halten, und von Frauen nur Unterordnung erwartet wird.

 

Wo:

In Kassel, Münster, Bökendorf

 

Warum ich Grimms Morde schrieb; ein Interview mit Andreas Öhler von der „Zeit“:

A.Ö Sie waren bei Ihrem vorletzten Roman in der mittelalterlichen Mongolei, mit Ihrem letzten Roman gerade noch im Zeitgeschehen und unternehmen mit „Grimms Morde“ nun einen Ausflug in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Warum diese Sprünge?

T.K. Die Freiheit, sich immer wieder anderen Epochen zuwenden zu können, ist für mich eine der reizvollsten Aspekte des Autorinnendaseins. Jede Epoche ist einzigartig und bietet doch Parallelen zu unserer Gegenwart. Diese Mischung aus Fremdem und Vertrautem sorgt dafür, dass ich mir bei jedem neuen Stoff immer wieder als Entdeckerin vorkomme.

Aber warum ausgerechnet Kassel im Jahr 1821? Ich stelle mir die Zeit sehr langweilig vor – Biedermeier eben. Deutsche Provinz.

Im Gegenteil, es war eine Zeit voller Spannungen, kaum verheilter Wunden, Druck von oben und in etwa so friedlich wie ein Wespennest. Die napoleonischen Kriege waren gerade erst vorbei, und die einfachen Bürger mussten feststellen, dass ihre Fürsten eine völlig andere Vorstellung von der Zukunft hatten, als sie selbst. Gerade in Hessen, wo der Kurfürst wortwörtlich ins Mittelalter zurückwollte, samt Zünften, Zopfperücken und Argwohn gegen jede Art von moderner Gesetzgebung,  als französischem Teufelszeug. Es kam so weit, dass selbst Beifallskundgebungen im Kasseler Theater verboten wurden, weil diese politisch gedeutet werden könnten. Die Grimms klagten einmal einem Freund gegenüber, man traue sich kaum mehr, Bonbonpapier wegzuwerfen, weil es mit Sicherheit von einem Polizisten aufgelesen und auf mögliche politische Botschaften untersucht würde. Außerdem ließ sich der in den sogenannten Freiheitskriegen einmal geweckte deutsche Nationalismus, der so nützlich gegen Napoleon gewesen war, nicht einfach wieder loswerden. Nach dem Mord an August von Kotzebue wartete man in allen deutschen Staaten nur auf das nächste Attentat, nutzte dessen Tod, um die Universitäten, die Presse und  Vereine wieder unter staatliche Kontrolle zu bringen und ordnete einstweilen immer mehr Zensur und Überwachung der einfachen Leute an. Klingt für uns doch sehr vertraut, oder?

In den Mittelpunkt Ihres Romans stellen Sie mit den Gebrüdern Grimm und den Schwestern von Droste-Hülshoff zwei der berühmtesten Geschwisterpaare der deutschen Literaturgeschichte. Was hat Sie an den Grimms fasziniert?

Kennen gelernt habe ich sie natürlich ursprünglich wie alle Kinder über die Märchen. Aber interessant wurden sie für mich als Personen erst Jahre später, als mir durch mein Studium klar wurde, dass die Märchen, die noch heute Grundlage für so viele Bücher, Filme und Serien sind, nur einen Teilaspekt des Lebens der Brüder darstellten. Sie waren sprachverliebt und büchersüchtig, gleichzeitig auf der Suche nach der Vergangenheit und fest in der Gegenwart verwurzelt und für die Zukunft engagiert; vergessen wir nicht, dass Jacob Grimm beim Wiener Kongress dabei war und zu den Abgeordneten in der Paulskirche zählte, als die erste deutsche Verfassung gestaltet wurde.  Darüber hinaus hatten sie eine Lebensgemeinschaft, die selbst unter Geschwistern ziemlich einzigartig ist. Und schließlich stellte ich mit einiger Belustigung fest, dass sie viele Jahre vor Arthur Conan Doyle den Grundtypen von Sherlock Holmes und Doktor Watson entsprachen – Jacob als exzentrischer, sehr scharfzüngiger und oft unnahbarer Querdenker, Wilhelm als der umgänglichere Versöhner, der allerdings auch hin und wieder zu erstaunlich passiv-aggressiven Kapriolen imstande war.

Und wie war es mit den Drostes? Manchen Leuten dürfte gar nicht bewusst sein, dass Annette von Droste-Hülshoff überhaupt eine Schwester hatte.

Bedauerlicherweise, denn Jenny war sehr wichtig für sie, ihr ganzes Leben lang.  Und sie brauchte diese Vertraute. Annette von Droste ist eine unserer bedeutendsten Dichterinnen, aber ihr Werk entstand gegen viele Widerstände und in einer großen Lebensenge, der sie als unverheiratete adlige Frau unterworfen wurde, von ihrer ständig gefährdeten Gesundheit ganz zu schweigen – sie wurde ja auch nur 51 Jahre alt.  Die zwei Jahre ältere Jenny war ihr ruhender Pol und gleichzeitig ein Gegensatz, die Schwester, die in den Augen von Familie und Freunden den Erwartungen an weiblichem Verhalten gerecht wurde, während sie doch gleichzeitig Annette ihre wenigen erfolgreichen Ausbrüche aus dem Gestrick dieser stockkonservativen Erwartungen ermöglichte.

War es Ihnen wichtig, männliche und weibliche Perspektiven in dieses Buch einzubringen?

Auf jeden Fall, wobei bei diesen Geschwisterpaaren auch der Gegensatz zwischen Bürgertum und Adel von Bedeutung ist. Die vier Hauptfiguren erleben die Wirklichkeit von 1821 daher sehr unterschiedlich. Annette von Droste hat ein gewisses Adelsprivileg; die Frage, Geld zu verdienen, stellt sich für sie erst gar nicht. Jacob Grimm dagegen war nach dem frühen Tod seines Vaters schon als 11jähriger Junge nominelles Familienoberhaupt, und kaum hatte er die Schule hinter sich, da wurde von ihm erwartet, für den Lebensunterhalt seiner fünf Geschwister sowie der Mutter aufzukommen. Umgekehrt konnten Jacob und Wilhelm die Universität besuchen und unter ihrem Namen veröffentlichen, während für Annette das Erste als Frau unmöglich war und sie für das Zweite Jahrzehnte brauchte. Sie unterschrieb noch mit über vierzig Briefe an ihre Mutter mit „Deine gehorsame Tochter Nette“ und musste vor ihr verbergen, dass sie mit einem jungen Mann auf dem Du-Fuß stand. Und schließlich: bei unverheirateten Männern ging man im Jahr 1821 stillschweigend davon aus, dass sie bereits sexuelle Erfahrungen gemacht hatten.  Für unverheiratete Frauen dagegen hätte eine solche Annahme den gesellschaftlichen Ruin bedeutet.

War es realistisch, dass Protagonisten wie die Brüder Grimm, Gelehrte und Diener des Staates, eigenständig einen Mörder suchen mussten?

Wenn damals in Adelskreisen jemand auf mysteriöse Art und Weise starb, brauchte man natürlich einen Sündenbock. Wer war dazu besser geeignet, als Bürgerliche, die noch dazu der Opposition zuzuordnen waren. Auch darin unterschied sich das 19. Jahrhundert kaum von unserer Gegenwart, wo Sündenböcke weltweit wieder gerne weggesperrt, wenn nicht umgebracht werden.

Gibt es Nebenfiguren, die Ihnen beim Schreiben besonders ans Herz gewachsen sind?

Lotte Grimm. Ich wusste zwar von Anfang an, dass sie vorkommen würde, denn sie führte ihren Brüdern zum Handlungszeitpunkt nun einmal den Haushalt, aber sah nicht vorher, welches Vergnügen mir die Szenen mit der schlagfertigen Lotte bereiten würden, die ihre Brüder oft und gern auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

Woher kam eigentlich der Gedanke, aus Grimms Märchen Grimms Morde zu machen? Ist das auf eine der beteiligten Personen zurück zu führen?

Gleich auf mehrere. Die Holmes-und-Watson-Parallelen erwähnte ich bereits.  Darüber hinaus hat die Droste mit der „Judenbuche“ eine der frühesten Kriminalgeschichten in der deutschen Literatur geschrieben.  Dabei nähert sie sich, lange bevor das bei  der Polizei zum Standard wurde, Lehrbücher oder Romane über Morde und andere Vergehen geschrieben wurden, dem Täter über eine genaue Studie seines Hintergrunds, seiner Kindheit, der Einflüsse, denen er unterlag – genau mit dem Ansatz der heutigen Profiler. Da die Drostes tatsächlich mehrere Märchen zur Sammlung der Grimms beitrugen, und da diese Märchensammlung bei ihrem Erscheinen durchaus auch wie heute gelegentlich Entsetzen wegen der diversen brutalen Todesarten erregte, gab mir das den Grundeinfall zu dem Roman: Grimms + Drostes = Krimi.

Für wen schlägt Ihr Herz mehr, für die Männer oder für die Frauen des Romans? Glauben Sie, dass diese vier glücklich waren, glücklich wurden?

Romanfiguren sind wie Kinder – man liebt sie alle.  Ich glaube, Jacob und Wilhelm hatten alles in allem ein glückliches Leben, eine Art von politischem Exil in Berlin eingeschlossen, und auch Jenny fand schließlich ihr Glück. Bei Annette lagen die Dinge anders; sie hat in ihrem weiteren Leben nach dem Roman sowohl Glück als auch Elend erfahren. Lange sprach sie davon, es wäre ihr nur wichtig, in hundert Jahren gelesen zu werden. Doch als sie starb, war sie endlich als eines der größten dichterischen Talente  ihrer Epoche anerkannt, und hier gebrauche ich absichtlich einen geschlechtsunabhängigen Begriff, um mich nicht durch „Dichterinnen“ auf die wenigen weiblichen Autoren der Zeit einzuschränken, umgeben von Menschen, die sie liebte.

Hat es die Liebe von Jenny zu Wilhelm und den Hass zwischen Annette und Wilhelm wirklich gegeben?

Ja. Jennys Tagebuch, die leidenschaftliche Begeisterung, in der sie Wilhelm oft schildert, spricht da eine eindeutige Sprache, und es ist wohl kein Zufall, dass die lebenslange Korrespondenz zwischen Jenny und Wilhelm just um den Zeitpunkt seiner Eheschließung eine zweijährige Lücke aufweist. Was Annette und Wilhelm betrifft, so war es gegenseitige Abneigung auf den ersten Blick, was sowohl aus seinen wie auch aus ihren Briefen und denen von Jenny hervorgeht, doch Annette beschäftigte Wilhelms Unterbewusstsein wohl sehr intensiv; der berühmte Traum, den er von ihr hatte, und den er ebenfalls brieflich schilderte, brachte mich auf einen ganz bestimmten Verdacht, den ich in meinen Roman einbaute.

War Jacob Grimm eigentlich homosexuell? Oder wie erklären Sie sich seine Frauenverachtung und den Umstand, dass die einzige tiefe emotionale Bindung seines Lebens die zu seinem Bruder war?

Wer als Elfjähriger bereits zum Patriarch wird, ist für Frauen vermutlich verdorben. Ich glaube auch, er war asexuell; wenn er homoerotische Erlebnisse gehabt hätte, dann wüssten wir davon, so wie bei seinem Zeitgenossen August von Platen, gerade, weil Jacob sich im Laufe seines Lebens ja eine beträchtliche Anzahl von Feinden machte.  Sexualität jeder Art scheint ihn schlicht und einfach nicht interessiert zu haben.

Im Gegensatz zu seinen jeweiligen Landesherren. Die Mätressenwirtschaft der Kurfürsten von Hessen-Kassel taucht in dem Roman ja immer wieder auf.

Weil sie durch mehrere Generationen hindurch wirklich prägende Auswirkungen auf das Land hatte, bedenkt man, dass ganze Regimenter von Soldaten deswegen an die Engländer für den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg verkauft wurden, und gerade zum Handlungszeitraum des Romans die legitime Ehefrau des Kurfürsten und ihr Kreis, darunter auch die Grimms, als Opposition verdächtigt wurden. Dabei fungierten die Mätressen zu allen Zeiten, an allen Orten, durchaus auch als Blitzableiter für die Bevölkerung; ihnen konnte man leichter als dem jeweiligen Landesherren die Schuld an der eigenen persönlichen, oder den staatlichen Miseren geben. Als ich mir überlegte, wer das erste Mordopfer sein sollte, war mir klar: es konnte sich nur um eine Mätresse handeln!

„Sein sollte“  – das heißt, in der Wirklichkeit wurde niemand ermordet?

Doch, ein Jahr später als in meinem Handlungsstrang, ein Lakai, und dieser Mord wurde nie geklärt. Nur der Kurfürst hielt es für einen verunglückten Giftmordanschlag auf seinen Sohn, was die sogenannte Drohbriefaffäre auslöste, die auch für die Grimms Konsequenzen hatte. (Der Kurfürst erhielt einen Drohbrief mit Forderungen: Gewährung einer Verfassung, Ausschluss seiner Mätressen von allem Einfluss, und das Unterlassen persönlicher körperlicher Züchtigung von Untergebenen, die er aus seiner Sicht keinesfalls erfüllen konnte. Wie bei Erdogan der Putsch, gab ihm dieser Brief aber die willkommene Grundlage, noch restriktiver gegen jede Opposition im Fürstentum vorzugehen, insbesondere gegenüber der Oppositionsgruppe um seine Frau). Da ich bei meinem Krimi jedoch die Geschichte der beiden Geschwisterpaare erzählen und mit literarischen Motiven sowohl der Grimms als auch der Drostes verweben wollte, war ich selbst kreativ, was die Todesfälle betrifft. Allerdings ist die fragliche ehemalige Mätresse an eine reale Mätresse angelehnt, über deren etwas mysteriöse Todesart, wie über den Zeitpunkt, damals spekuliert wurde.

Und was ist mit dem anderen Geheimnis des Romans, das sich dem Leser auch erst Stück für Stück enthüllt – dem, was Annette vor Handlungsbeginn in Bökendorf geschah?

Die Ereignisse von Bökendorf haben stattgefunden und sind durch Briefe der meisten Beteiligten ziemlich gut dokumentiert. Aber auch hier gibt es natürlich noch ein paar offene Fragen  – und anders als Sachbiographen dürfen wir Romanautoren spekulieren, was die Antworten betrifft!