"Mir fehlt ein Held! Ein sonderbarer Fehler, denn jährlich kündigt sich ein neuer an ..." Byron, Don Juan |
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Das Spiel der Nachtigall
In einer Zeit, in der Walther von der Vogelweide vier Könige, drei Kaiser, drei Päpste erlebte, die alle mehr um persönliche Macht als für ihre Aufgabe
kämpften; die Kirche noch fast unbeschränkt den Geist der Menschen regierte; Juden verfolgt und erstmals gesetzlich in Ghettos getrieben wurden; Ärzte
an den Universitäten mehrheitlich Unterricht in Astrologie bekamen; Vergewaltigung die Regel, Liebe die Ausnahme war; sieben Mal niesen als Verhütung
galt; Kreuzzüge mehr um der Beute wegen als um die "Befreiung" Jerusalems geführt wurden; die größte Stadt Deutschlands 40.000 Einwohner hatte; Männer
und Frauen gemeinsam nackt, aber mit Hut badeten, somit im Hochmittelalter - handelt dieser Roman.
Walther:
Er war ein Zeitgenosse von Saladin, Dschingis Khan, Franziskus von Assisi, Kaiser Friedrich II.; wenn auch die erstgenannten bekannter sein mögen,
wie diese hat er unübersehbare Spuren hinterlassen. Er war seiner Zeit weit voraus. Als allein noch das Faustrecht galt, als ein Starker einen
Schwächeren aus einer Laune heraus um seine Hand, seine Zunge, seinen Kopf bringen konnte, dichtete, schrieb und sang er, lange vor Luther, Revolutionäres
gegen den Adel und die Verfehlungen innerhalb der Kirche, ja gegen Bischöfe, Äbte, Könige und Kaiser und selbst gegen den machtbesessensten aller
Päpste. Eine alte Weisheit besagt: "Wer die Wahrheit sagt, muss immer ein gesatteltes Pferd bereit haben". Erfreulicherweise wurde Walther etwa 60 Jahre
und hat bis dahin mehr Erstaunliches, Spannendes, Überraschendes erlebt, als die meisten Menschen im Mittelalter. Und er fand dabei den ungewöhnlichsten,
machtlosesten, der dann einer der herausragenden deutschen Kaiser wurde. Seine Pferde müssen wohl sehr gut gewesen sein, wenn auch seine Beliebtheit beim
Volk ihn schützte.
Was mich aber genauso inspirierte, ihn zum Helden eines Schelmenromans zu machen, war sein Hauptunterscheidungsmerkmal gegenüber allen anderen Minnesängern
seiner Zeit. Als Frauen, ob Magd oder Königin, meist nur benutzt wurden, in Liedern zumeist als überhöhte Symbolfiguren auftauchten, und die unerwiderte Liebe
in Adelskreisen besungen wurde, dichtete er, dass nur gegenseitige Liebe glücklich machen kann. Dafür mußte ich ihm einen untheoretischen Grund geben, und
der heißt:
Judith:
Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau. (In der geschilderten Zeit mokierte sich Wolfram von Eschenbach darüber, daß nun Frauen am gleichen Tisch wie Männer sitzen durften, was ihm nicht gefiel - obwohl sie angeblich dort nur deshalb einen Platz bekamen, um als Friedensstifter zwischen den streitfreudigen Männern zu wirken.) Starke Frauen gibt es immer und zu allen Zeiten, aber von denen des Mittelalters wissen wir herzlich wenig, weil es nur wenige Herrscherinnen durch Erbe oder Heirat, meist als Witwen, oder Nonnen in die Chroniken schafften; kaum Frauen einfacheren Standes. Warum? Zu dieser Zeit gab es erst drei Universitäten in Europa: Bologna, Paris, Oxford und eine medizinische Hochschule in Salerno. Nur in Salerno waren Frauen für ein Medizinstudium zugelassen. Kirche und Staat verhinderten lange den Zugang zur Bildung für Frauen. Die erste Frau mit "ordentlichem" Universitätsabschluss gab es erst etwa 550 Jahre nach meiner Geschichte. Während in Bologna und Paris Ärzten noch mehrheitlich Astrologie gelehrt wurde, kann meine Judith in Salerno die wirkliche Medizin zwischen Christen, Juden, Arabern studieren, wie es auch tatsächlich mehrere ihrer Zeitgenossinnen taten. So ist sie für Walther eine Partnerin auf Augenhöhe. Manchmal Freundin, manchmal Gegnerin, gelegentlich Verbündete und auch Geliebte; sie führt dabei über lange Jahre ein eigenes Leben, wider alle Regeln der Zeit. Ohne sie hätte ich die weibliche Seite des Mittelalters nie glaubwürdig und nachvollziehbar schildern können, und die war mir sehr wichtig.
Oft werde ich gefragt, was ist Wahrheit bei Ihren Büchern? Was ist Geschichte, was Realität, was Wunschvorstellung?
Geschichte wurde und wird auch heute noch immer von den Gewinnern geschrieben; der Wahrheitsfindung hilft das in den wenigsten Fällen. (Mönche
schrieben damals selbstverständlich das auf, was ihr Abt, ihr Fürst ihnen befahl.) Ein Romanautor muss somit versuchen, seinen Lesern spannend
und unterhaltend das zu vermitteln, woraus dieser Ursachen und Folgen für seine Meinung ableiten kann. Wie etwas geschieht, vermag interessant
zu sein; warum es geschieht, das ist für wissbegierige Leser noch wichtiger. Ich versuche durch spannende Handlung und vor allem glaubwürdige
Figuren, dies in meinen Bücher darzustellen, nicht durch bloße Aufzählung von Daten.
Da es kaum gesicherte Information über Walther gibt, habe ich mich ihm über seine Dichtungen angenähert. Seine Persönlichkeit, seine Meinungen
sprechen ungeheuer lebhaft aus ihnen, und man kann sehen, wie er auf die Ereignisse seiner Zeit reagierte. Er und sein ganzes Umfeld sind
historisch, nicht aber Judith und ihre Verwandtschaft, bis auf den Onkel Salomon in Wien.
Nur aus der Kombination von Machtlosen und Mächtigen, Frauen und Männern, war es möglich zu zeigen, wie das Mittelalter wirklich war, als
der Antijudaismus den Menschen eingepflanzt wurde, Körperfeindlichkeit und Badehäuser Hand in Hand gingen, Mädchen mit 12, Jungen mit 14
heiraten durften, das Zölibat sich gerade durchsetzte, als einfache Menschen häufig sterben wollten, nicht um das ewige Leben zu erreichen,
sondern um der Realität ihres Leidens zu entgehen, das habe ich versucht, einzufangen. Wichtig waren auch die Entwicklungen innerhalb des
Adels und des Klerus in jener Zeit, wo das Geschacher um Macht, Stimmen und Pfründe stark an unsere heutigen Politiker erinnern. Diesbezüglich
hat sich wirklich nicht viel verändert. Wenn Leser bei diesem Buch nun aber trotzdem auf Ungewöhnliches, kaum Glaubhaftes stoßen, dann ist
die Realität sehr nahe, innerhalb jenem Zeitalter, denn die wirklich unglaublichen Dinge hätte ich niemals erfunden.
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