"Mir fehlt ein Held! Ein sonderbarer Fehler, denn jährlich kündigt sich ein neuer an ..."
Byron, Don Juan


Dr. Tanja Kinkel
Manchmal passiert es mir, daß ich Büchern begegne, die für mich als Leserin großartig, und als Autorin deprimierend sind. So erging es mir vor mehr als fünfzehn Jahren, als ich mich im Frühstadium der Recherche für einen biographischen Roman über Elizabeth I. befand, und auf den Roman "Legacy" (deutsch, stark gekürzt und teilweise textlich verändert, unter dem Titel "Die Königin" erschienen) von Susan Kay stieß. Ein nicht nur sehr gut geschriebenes Werk, sondern auch eines, das die Persönlichkeit Elizabeth Tudors genauso interpretierte, wie ich es im Sinn hatte. Ich resignierte und sagte mir, das Thema sei eben für mich gestorben, was mich natürlich nicht davon abhielt, weiterhin über Frau und Zeit eine Menge zu lesen. Das elisabethanische Theater war sogar eines meiner Prüfungsthemen, als ich promovierte. Einige meiner Überlegungen zu Elizabeth als Person packte ich später in meinen Roman "Unter dem Zwillingstern", was damals kaum jemandem auffiel, obwohl die Parallelen bei einem gattinnenmordenden Vater namens Heinrich, einer Gouvernante namens Käthe, einer älteren, religiösen Schwester namens Marianne, einem Schwager namens Philipp und einem besten Freund namens Robert ziemlich offensichtlich waren. Damit war vielleicht Elizabeth selbst genüge getan, aber die Epoche ließ mich immer noch nicht los, vor allem die Anfangszeit, die im Gegensatz zu dem letzten Drittel ihrer langen Regierung weniger im öffentlichen Bewusstsein steht, und in der einige entscheidende Weichen gestellt wurden, vor allem in jenen Wochen unmittelbar nach dem Tod, der europaweit Wellen schlug: dem Tod einer jungen Frau namens Amy Robsart, verehelichte Amy Dudley.

Wer jedoch war Amy gewesen? Viel mehr als ein paar Schneiderrechnungen und Briefe, in denen sie neuen Stoff bestellt, sowie Geburts-, Heirats- und Todesdaten sind von ihr nicht geblieben. Wer war eigentlich jener "Vetter Blount", den ihr Gatte Robert Dudley nach Cumnor schickte, um die Wahrheit über Amys Tod herauszufinden, und dessen Briefe das wichtigste Material zu diesem Thema liefern, über das sich nun schon seit Jahrhunderten Historiker streiten? Was ging in den einzelnen Personen des Haushalts vor, die mit Amy lebten, und alle ihre eigenen Geschichten hatten? Während ich noch für meinen vorherigen Roman, "Säulen der Ewigkeit", durch England reiste, begann ich mich mehr und mehr für diese Randfiguren der Biographien zu interessieren. Bei einem Besuch der Kirche, in der Amy Dudley ihre letzte Ruhestätte fand, entschloss ich mich, doch einen elisabethanischen Roman zu schreiben, aber vom Konzept her das genaue Gegenteil des Buches, das mir einst vorgeschwebt war: statt eines Epos über mehrere Jahrzehnte lang sollte mein Roman nur innerhalb einer einzigen Woche spielen; statt sich um Elizabeth selbst zu drehen, würde er die Figuren, die in ihren Biographien nur schattenhaft erwähnt waren, obwohl sie mit ihren Vorgehensweisen ihre Regierungszeit erst ermöglichten, ins Zentrum stellen. Außerdem wollte ich mit einer Erzählungsart experimentieren, die ich bisher nur in Kurzgeschichten erprobt hatte, der Ich-Erzählung.

Ursprünglich war nur Tom Blount als Ich-Erzähler geplant, doch dann kam mir die Idee, ihm eine weitere Stimme entgegen zu setzen: die von Kat Ashley, Elizabeths ehemaliger Gouvernante, genauso danach strebend, die Wahrheit herauszufinden, aber von völlig unterschiedlichen Loyalitäten geprägt. Wenn es mir gelungen ist, diesen beiden und der turbulenten Zeit, in der es kaum eindeutige Helden oder Schurken gab, sondern nur sehr viele Schattierungen dazwischen, Leben zu verleihen, dann, hoffe ich, habe ich einer langen, langen Obsession endlich schriftstellerische Genüge getan!

Tanja Kinkel

P.S. Ein Interview dazu und Teile meines Reisetagebuches finden sich unter www.droemer-knaur.de.