ALLES ÜBER HARRY

Tanja Kinkel


Vom Magierblatt Daily Prophet um ein weiteres Interview gebeten, seufzt der junge Held der derzeit meistverkauftesten Bücher auf den Bestsellerlisten und meint: „Toll. Genau das, was ich brauche. Noch mehr Publicity.“
Ironie gehört mit zu den Elementen, die den Charme der Harry-Potter-Romane ausmachen und dafür sorgen, daß sie nicht „nur“ von Kindern gelesen werden. Meine persönliche Einführung in die Welt des Harry Potter kam, als eine Bekannte mitten in einer Diskussion Gerhard Schröder als Muggel bezeichnete. Für nicht Eingeweihte, ein Muggel ist ein magieloser Mensch. Meine Bekannte beließ es nicht bei einer Erklärung, sondern erzählte mir genügend über die Romane, um mich neugierig zu machen, und inzwischen kann ich selbst Vergleiche zwischen dem Quidditch-World-Cup und den im Verhältnis dazu unendlich prosaischeren olympischen Spielen ziehen, mich nach einer Hauselfe sehnen, wenn meine Putzfrau mich im Stich läßt, und mich fragen, wann J.K. Rowling endlich Band 5 der Potter-Saga veröffentlicht. Kurzum: ich bin süchtig.
Vertraute Erzählmuster zu erkennen, hilft dabei wenig. Wie J.R.R. Tolkien im Herrn der Ringe, wie C.S. Lewis in den Narnia-Romanen, wie, um in ein anderes Medium zu wechseln, George Lucas in seinem Weltraummärchen Krieg der Sterne greift J.K. Rowling auf einen der beliebtesten und wichtigsten Archetypen unter den Erzählformen zurück: die Reise des Helden. Boten, die den Helden aus seiner Alltagsmisere in eine andere Welt rufen, weise Mentoren, Schwellenwächter, Doppelgänger, all das kann man erkennen und analysieren, und es erklärt doch nicht, warum just diese Bücher, und nicht andere, die dem gleichen Muster folgen, Kinder vom Bildschirm weglocken und Erwachsene dazu bringen, Nichten und Neffen vorzuschieben, die sie gar nicht haben.
Ein Grund liegt sicher darin, daß die Harry-Potter-Romane es fertigbringen, sich nicht konstruiert, sondern spannend und lustig zu lesen, obwohl sie bei näherer Hinsicht sehr genau geplant sind. (Die flüchtige Erwähnung einer Person am Anfang von Band 1 liefert einen entscheidenden Hinweis auf das zentrale Geheimnis von Band 3.) Es gibt keine aufdringlich mit erhobenem Zeigefinger vermittelte Moral, etwas, das Bastian Bux in Michael Endes Unendlicher Geschichte mit Recht als eines der schlimmsten Merkmale von Büchern aufzählt. Der Witz des Erzählten funktioniert auf mehreren Ebenen. Wenn ein Werbeblatt für einen Fernkursus in Zauberei vorgestellt wird („Haben Sie das Gefühl, den Anschluß an die moderne Zauberei verloren zu haben? Ertappen Sie sich bei Ausreden, um einfache Zaubereien nicht ausführen zu müssen? Es gibt eine Antwort darauf!“), dann braucht man es nicht als Parodie auf Selbsthilfekurse zu erkennen, um es komisch zu finden. Die sensationsgierige Reporterin, die dem armen Harry in Band 4 auf den Fersen ist, wirkt in ihrer ergötzlichen Abscheulichkeit, auch ohne nähere Bekanntschaft des Lesers mit Mitgliedern der magielosen Regenbogenpresse. (Als Erwachsener fragt man sich allerdings, ob J.K. Rowling da nicht riskiert, einen wichtigen Werbeträger zu verärgern.) Nur die Dursleys, Harrys herz- und humorlosen Verwandten, die Relikte eines von Charles Dickens verworfenen Romans zu sein scheinen, wirken wie plumpe Karikaturen, und tauchen dankenswerter Weise von Roman zu Roman weniger auf; ansonsten sind die Charaktere, ob gut, böse oder neutral, alle Musterbeispiele dieser mit intelligenten Witz gepaarten Erzählkunst.
In anderen Schulen mag es auf dem Dachboden spuken; in Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei, spukt es auf dem Mädchenklo. Und man sollte dem Geist besser zuhören, denn wie die Klatschtanten in Agatha-Christie-Romanen hält sie mehr als einmal den Schlüssel zur Lösung des Rätsels bereit. Überhaupt sind die Parallelen zu den „Whodunit?“-Krimis früherer Tage ein weiteres Element, das Harry-Potter-Leser gefangennimmt. Jeder Roman bietet auch eine Verbrechenserklärung. Inzwischen ist auch unerfahrenen Lesern klar, dass der Übeltäter niemals der offensichtliche Kandidat ist, aber J.K. Rowling macht es sich nicht so leicht, statt dessen immer nur die unverdächtigste Person als Schuldigen anzubieten, und sie verstreut ihre Hinweise ehrlich.
Ein weiteres Genre, das sie variiert, ist der Internatsroman. Der weise Direktor, eine Gallerie von exzentrischen Lehrerfiguren, und der eingebildete, snobistische Mitschüler, der dem Helden spinnefeind ist, all das kommt jedem bekannt vor, der in seiner Kindheit irgendwann mit Enid Blyton bedacht wurde. Doch der originelle Touch bleibt auch hier erhalten, und das hängt mit der bänderübergreifenden Gesamtgeschichte zusammen. War Hogwarts am Anfang noch der Ort, an dem Harry Abenteuer erleben, Freunde finden und seiner entsetzlichen Verwandtschaft entkommen konnte, so steht die Schule inzwischen als wichtigstes Zentrum des Widerstands gegen den großen Antipoden der Romane, Voldemort, da. Schuldirektor Albus Dumbledore mag vielleicht ein netter alter Mann sein, aber er läßt mehr und mehr einen eisernen Kern erkennen und hat Pläne mit unserem Helden, die möglicherweise nicht nur zu seinem Besten sind. Die zauberische Welt mag unendlich reizvoller als die der Muggels sein, aber sie birgt auch solche Geschöpfe wie die Dementoren, Wesen, die direkt aus einem Horrorroman von Stephen King stammen könnten. (Der König des Horrors zählt übrigens auch zur Schar der hingebungsvollen Harry-Potter-Leser.) Und, das Wichtigste, Harry und seine Freunde altern mit den Romanen, und mit ihnen verändert sich auch die Erzählperspektive. Harry mit 14 sieht die Dinge nicht mehr so wie Harry mit 11. Es gibt Auseinandersetzungen, die man nicht gewinnen kann, und Grauzonen zwischen Gut und Böse, die sich einem Kind noch nicht erschließen.
Die verkörperte Grauzone in sämtlichen Harry-Potter-Romanen ist der Lehrer für Zaubertränke, Severus Snape, und hier betritt J.K. Rowling völliges Neuland, was die Tradition englischer Kinderbücher angeht. Der sarkastische, grundsätzlich schlechtgelaunte Snape verabscheut Harry, macht ihm das Leben schwer, hat eine düstere Vergangenheit und mußte mehr als einmal als wahrscheinlicher Kandidat für den Übeltäter des jeweiligen Romans herhalten, aber er rettet unserem Helden auch zwischendurch einmal das Leben, und, so stellt sich im letztveröffentlichten Band heraus, riskiert Leib und Seele im Kampf gegen Voldemort. Das macht ihn nicht liebenswerter, noch offenbart er plötzlich ein Herz für Kinder, noch wird er deswegen ein netter Mensch. (Die Snape’schen Lehrmethoden haben es in sich: „Professor Snape zwang sie, alles über Gegengifte zu recherchieren. Das nahmen sie ernst, da er angedeutet hatte, daß er einen von ihnen noch vor Weihnachten vergiften würde, um festzustellen, ob ihre Gegengifte auch wirkten.“ ) Er steht auf der Seite der Guten, obwohl wir da nicht 100% sicher sein können. Diese Art von zwiespältigen Charakteren vermißt man in den großen englischen Klassikern des Genres, die es ebenfalls fertig gebracht haben, von jung und alt gelesen zu werden. Tolkiens Hobbit ist hinreißend und Der Herr der Ringe ein Meisterwerk, aber es besteht kein Zweifel, wer in diesen Büchern gut, und wer böse ist. In Lewis’ Narnia-Chroniken existieren zwar einige Figuren mit anfänglich nicht so löblichen Eigenschaften, aber wenn sie ihre moralische Krise erst überwunden haben und geläutert sind, dann werden sie auch sympathisch und verlieren jeden unangenehmen Zug. Wenn man den Sprung von der britischen Insel in den deutschsprachigen Bereich macht, sieht es etwas anders aus: der Held der Unendlichen Geschichte, Bastian, wird von der Macht, die er ausübt, fast bis zur Unkenntlichkeit korrumpiert, bis ihn sein Freund Atreju vor sich selbst rettet. Die Kinderbücher von Wolfgang und Heike Hohlbein weisen des öfteren auf die Schwierigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, hin. Aber was ihnen wiederum fehlt, ist das, was alle bisher genannten Briten irgendwie problemlos fertigzubringen scheinen: Humor.
Es muß irgend etwas in der Luft liegen, das sie anders macht, die Briten. Vermutlich ein in Hogwarts produzierter Zauber, was auch einer der Gründe dafür ist, warum der Gedanke, von Amerikanern verfilmt zu werden, sie ebenso sehr beunruhigt wie erfreut, denn so etwas verliert sich leicht über dem Atlantik. Sei’s drum, ganz gleich, ob der Film nun gut oder schlecht wird, die schätzenswerte Ms. Rowling wird weiter schreiben, und das allein zählt. Zumindest versichere ich das einer Mitleserin, während wir darüber debattieren, worin nun Dumbledores Geheimplan gegen Voldemort besteht, wer von den Figuren möglicherweise als nächster sterben könnte, nachdem dieses Tabu erst einmal gebrochen wurde, und ob Warner Brothers nicht lieber Tim Burton statt Chris Columbus als Regisseur hätte anheuern sollen. Was kann ich sagen? Ich bin eben süchtig.