Über das Schreiben + Erfahrungen mit meiner Schreibwerkstatt

Meine Lieblingsdefinition des Schreibens stammt von dem Helden meines ersten Romans, Lord Byron, und lautet:

Tis to create, and in creating live
A being more intense, that we endow
With form our fancy, gaining as we give
The life we image, as even I do now.

Solange ich zurückdenken kann, habe ich gerne Geschichten gehört, später gelesen, und sie mir ausgedacht. Es ist mein Talent, mein persönlicher Daseinsgrund, könnte man sagen, und bestimmt so süchtig machend wie eine Droge. Dabei ist es durchaus nicht immer ein schönes, angenehmes Gefühl, und das hängt auf paradoxe Weise mit den Themen zusammen. Das ruhige, harmonische Leben von lauter netten Leuten lässt sich nun mal schwer dramatisieren; ich habe sogar Schwierigkeiten mit Liebesszenen, wenn die Liebenden miteinander glücklich sind. Aber man gebe mir Neurotiker, die dazu bestimmt sind, einander unglücklich zu machen, oder auch nette Menschen, die in fürchterlichen Situationen landen, und ich bin in meinem Element.

Schreiben ist immer Spekulation. Was wäre, wenn? Was ist da geschehen? Warum hat er/sie das getan? Gleichzeitig ist es auch Gewissheit; wenn ich mir einmal ein Bild von einem Charakter gemacht habe, ob nun eine erfundene Figur, oder eine historische Gestalt, dann bin ich fest davon überzeugt, alles über ihn oder sie zu wissen. Deswegen dauert es wohl auch etwa zwei Jahre, bis ich mich an alle Charaktere eines Romans auf diese Weise zu meiner Zufriedenheit herangetastet habe.

Schreiben appelliert, idealerweise, an Gefühl und Verstand gleichermaßen. Als Leserin schätze ich diejenigen Romane am meisten, welche ich wieder und wieder lesen kann, die mich jedes Mal wieder gefangen nehmen und neue Details entdecken lassen, auch wenn ich den Handlungsverlauf schon kenne. Als Autorin hoffe ich, diesen Anspruch mit meinen eigenen Romanen zu erfüllen, um so mehr, als sie größtenteils historischer Natur sind. Die Lebensdaten der Eleonore von Aquitanien oder des Kardinals Richelieu kann man in einem Lexikon nachschlagen, in einer Biographie nachlesen. Doch wenn ich meine Sache richtig gemacht habe, dann werden sich Leser trotzdem fragen, wohin das stürmische Zusammenleben von Alienor und ihrem zweiten Gatten, Henry II, noch führen wird, oder, warum Richelieu der Mensch wurde, der er war. Ein zweiter Schritt liegt, meiner Meinung nach wenigstens, ebenfalls nahe. Als ich Mondlaub schrieb, einen Roman über die letzten 20 Jahre der Mauren in Granada, ging in Bosnien eine weitere west-östliche Mischkultur durch einen brutalen Krieg zu Ende. Für mich verband sich das eine mit dem anderen; ich denke, dass auch Leser solche oder andere Parallelen zu ihrer Gegenwart wahrnehmen können.

Immer neues Terrain zu erobern, ist für mich eine der reizvollsten Aspekte beim Schreiben. Als sich daher die Gegenwart bei meinen Musen zu Wort meldete, lautstark, mit einem Thema, das nur im Hier und Jetzt geschildert werden konnte – die Gefahren der Biogenetik, die fatale Verstrickung von Politik, Wirtschaft und Forschung, und das Klima nach dem elften September – war es Ehrensache, die Herausforderung anzunehmen.

Mein Ausflug in die Welt eines Buches, das ich seit meiner Kindheit sehr liebe, Michael Endes Unendliche Geschichte, war eine Herausforderung anderer Art, die mir viel Freude machte und meinen Ehrgeiz befriedigte, nach „Die Prinzen und der Drache“ noch einen Fantasy-Roman zu schreiben . Das Resultat, König der Narren, war der spielerischste, unbekümmertste meiner Romane und gleichzeitig mit einigen der  angerissenen Themen der bitterernsten „Götterdämmerung“ eng verwandt.

Schreiben ist, ironischerweise, gleichzeitig eine selbstbezogene und auf andere bezogene Tätigkeit. Wenn ich schreibe, kann ich keine Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung ertragen. Es hat mich erleichtert, andere Autoren kennen zu lernen und herauszufinden, dass ich nicht die einzige Egoistin vor Ort bin, die Freunden wie Familie zumutet, einen Teil des Jahres ignoriert und den anderen gebraucht zu werden. Andererseits will ich mit dem Schreiben etwas mitteilen, andere an der speziellen Entdeckungsreise teilnehmen lassen, die ich mit dem jeweiligen Buch unternommen habe. Es ist das Beste, was ich zu geben habe, das, was noch da sein wird, wenn ich tot bin, etwas, das gleichzeitig eine bestimmte Geschichte und einen bestimmten Teil meines Lebens festhält. Nehmen wir meinen ersten Roman. Das war meine Art und Weise, von Byron, Augusta und Annabella zu erzählen, als ich neunzehn Jahre alt war, ganz persönliche Beziehungen und herzlich wenig Zeitgeschichte. Würde ich heute das gleiche Thema entdecken, würde ich es vermutlich anders angehen. Aber wäre das Resultat besser? Ich weiß es nicht; vielleicht brauchte es eine neunzehnjährige Romantikerin, um diese spezielle Geschichte zu erzählen. In jedem Fall ist es einerseits ein Roman über Byron und seine Schwester Augusta, und gleichzeitig auch mein neunzehnjähriges Selbst, eingefangen und unverändert festgehalten wie eine Fliege in Bernstein, mit allen Stärken und Schwächen, die ich damals hatte.

Ein weiterer Aspekt des Schreibens: durch Lektorat und konstruktive Kritik wird meiner Erfahrung nach jeder Autor besser. Nun haben wir nicht alle in unserer Umgebung Menschen, die willens sind, sich intensiv mit unseren Geschichten auseinander zu setzen, was einer der Gründe dafür war, warum ich etwa zwei Jahre lang im Internet eine Schreibwerkstatt betrieb. Schnell kristallisierte sich ein Kern von Teilnehmern heraus, die wirklich interessiert waren, und bereit, alle zwei, drei, vier Wochen nicht nur selbst neue Kurzgeschichten zu schreiben, sondern auch die anderer Teilnehmer zu beurteilen. Detailliert zu beurteilen (d.h. nicht nur zu sagen „toll“, oder „die Geschichte sagt mir nichts“, sondern Dinge wie „Ich finde es enorm, wie du in der Szene die Beziehung zwischen den beiden herausarbeitest, aber ich verstehe immer noch nicht, warum er eigentlich…“ ), was hieß, daß sie füreinander zu Lektoren wurden. Es war großartig, zu beobachten, wie während dieser zwei Jahre viele der „Schreibwerkstättler“ als Autoren reiften. Inzwischen haben mehrere von ihnen veröffentlicht, und ich fühle mich wie eine stolze Patentante.